Freitag, 29. Mai 2015

Bericht von der UGB-Tagung zu aktuellen Ernährungsthemen am 8./9. Mai


Vorletztes Jahr hatte ich berichtet, letztes Jahr war ich zwar einen Tag da, aber leider zu platt. Und diesmal habe ich mir von vornherein gar nicht vorgenommen, an der ganzen UGB-Tagung teilzunehmen, sondern mir die für mich interessanten Themen rausgepickt.

Der Freitag begann mit dem Themenblock „Nährstoffe im Fokus“. Prof. Claus Leitzmann, der den ersten Vortrag zum Thema „Nährstoffempfehlungen auf dem Prüfstand“ hielt, höre ich einfach immer wieder gerne zu. Das Thema selbst war, wie angekündigt, tatsächlich etwas trocken, frischte aber mal das Studiumswissen zum Unterschied zwischen Empfehlungen, Schätzwerten und Richtwerten für die Nährstoffzufuhr wieder auf. Konkret: Empfehlungen beruhen auf einem hohen Evidenzgrad durch experimentell gesicherte Daten. Schätzwerte sind auch experimentell gestützt, sind aber mit mehr Unsicherheit behaftet. Und Richtwerte, die dann angegeben werden, wenn kein durchschnittlicher Bedarf benennbar ist, gelten z. B. für Energie, Fett, Wasser, Alkohol oder Fluorid.

Im zweiten Vortrag von Dr. Markus Keller ging es um „Vitamin B12-Mangel – Mythos oder Wirklichkeit“? Die von ihm vorgestellten Daten zeigten, dass zwar auch Mischköstler teilweise die Vitamin-B12-Zufuhrempfehlungen nicht erreichen, dass die Blutwerte von Vegetariern und insbesondere Veganern aber deutlich öfter (in einer Studie von Hermann et al. (2003) bei 80 bis 90 % der Veganer!) einen Mangel aufzeigen. Zu bestimmen seien bei einem Bluttest nicht vorrangig Homocystein und Serumcobalamin, sondern vor allem auch Holo-Transcobalamin (Holo-TC) und Methylmalonsäure (MMA), weil durch die Bestimmung des Serumtranscobalamins allein in eben der besagten Studie 30% der Mangelfälle nicht aufgedeckt wurden. Für längerfristige Veganer führe nach aktuellem Stand der Wissenschaft kein Weg an Supplementen vorbei. Es gebe zwar erste Hinweise darauf, dass auch Nori-Algen und Chlorella größere Mengen an verfügbarem und wirksamem Vitamin B12 enthalten, das sei aber bisher nicht gesichert und wegen der möglichen irreversiblen Schäden durch einen Mangel würden nach wie vor Supplemente empfohlen.
Interessant fand ich Dr. Kellers Schlussworte zur Frage nach der Natürlichkeit von Supplementen: Jodsalz, die Einnahme von Vitamin D im Winter, Wiener Schnitzel und Autofahren seien ebenfalls nicht natürlich.

Nach der Mittagspause ging es dann weiter mit dem Vortrag „Multiresistente Erreger – eine hausgemachte Gefahr?“ von Dr. Sabine Poschwatta-Rupp. Für Veganer interessant hier die Rolle der Tierhaltung als Quelle für multiresistente Keime, weil dort viele Antibiotika eingesetzt werden. Insbesondere Schweine und Geflügel sind zu sehr hohen Prozentsätzen infiziert. Bisher gebe es zwar keine Untersuchungen zum Risiko, sich durch den Verzehr von Fleisch einen multiresistenten Keim einzufangen, aber das statistische Risiko steige mit steigendem Fleischverzehr. Für Fleisch aus artgerechter Haltung [womit sie wohl meinte, dass die Tiere dort auch weniger krank werden und daher weniger Antibiotika nötig sind] habe es bisher noch keine Risikomeldungen gegeben.
Spannend zu hören fand ich außerdem die Fakten zu Fernreisen. Anfang des Jahres hatte ich mich gegen die Teilnahme an einer Tagung in Indien entschieden, weil ich auf zeit.de einen Artikel zum Antibiotikaeinsatz und zu multiresistenten Keimen dort gelesen hatte, und fand mich zwischenzeitlich selbst etwas hysterisch. Laut einer Studie des Uni-Klinikums Leipzig, so erfuhr ich dann am Freitag, bringen aber tatsächlich mehr als 70% der Indienreisenden einen multiresistenten Erreger von dort mit. Zwar werden diese Keime von gesunden Menschen meist abgeschüttelt, aber der Teufel ist ein Eichhörnchen… Die Frage, die die Referentin aufwarf, fand ich denn auch gerechtfertigt: Müssen wir überall hin reisen?

Auf den vierten Freitagsvortrag hatte ich mich besonders gefreut: Prof. Niko Paech sprach über „Postwachstumsökonomie in der Praxis – Modell mit Zukunft“, und zwar in gewohnt motivierter Weise. Mich störte daher auch das leichte Überziehen nicht. Inhaltlich Neues bot mir der Vortrag zwar nicht, aber dafür eine Menge neuer Motivation. Es gehe in der Postwachstumsökonomie darum, bei einer Wochenerwerbsarbeitszeit von 20 Stunden die frei werdende Zeit dazu zu nutzen, Dinge selbst zu produzieren, gemeinschaftlich zu nutzen, länger zu nutzen und zu reparieren sowie sich über Kunst, soziale Netzwerken, körperliche Aktivität und die Entrümpelung des eigenen Lebens insgesamt besser zu fühlen. Literaturhinweis: Rob Hopkins: The Transition Handbook. Das habe ich noch am selben Abend angefangen zu lesen.

Die letzten beiden Vorträge des Tages habe ich nicht besucht. Im Beitrag „Internationale Freihandelsabkommen – Verbraucherschutz in Gefahr?“ von Reinhild Benning ging es um CETA und vor allem um TTIP. Mit diesem Thema habe ich mich in den vergangenen Wochen bereits ausführlich auseinandergesetzt und hatte daher das Gefühl, mir einen weiteren Einführungsvortrag sparen zu können. Ich finde es aber extrem wichtig, dass Bewusstsein für die Bedeutung und die großen Risiken von TTIP geschaffen wird. Wenn ihr euch kurz und knapp informieren und außerdem eure Stimme gegen TTIP erheben wollt (bitte tut das!), ist hier eine gute Adresse (unter dem Text gibt es einen Button „Hintergrund“).

Der zweite Vortrag, den ich ausgelassen habe, wurde von Johanna Feichtinger gehalten und beschäftigte sich mit „Nutrigenomics: Gencode fürs Menü“. Laut Tagungsmappe gibt es mittlerweile etliche Anbieter von Gentests, die versprechen, nach einer Genanalyse personalisierte Ernährungsempfehlungen auszusprechen. Fazit: Bisher alles Humbug und nicht wissenschaftlich fundiert, daher sei davon abzuraten.

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Der Samstag ging mit drei Vorträge zu Lebensmittelunverträglichkeiten ernährungswissenschaftlich los. Zuerst referierte Dr. Astrid Menne zu „Fruktose, Laktose, Histamin – sichere Diagnose von Unverträglichkeiten“. Ich will hier nur einige wenige für mich interessante Fakten herausgreifen: Tatsächlich litten, so Dr. Menne, deutlich weniger Menschen in Deutschland unter einer Lebensmittelunverträglichkeit, als davon überzeugt seien. Für Veganer vielleicht spannend (ich habe mich das zumindest öfter gefragt): Eine Laktoseintoleranz könne nicht durch einen Laktoseverzicht ausgelöst werden, da die Produktion der Laktase im Körper nicht substratabhängig, also durch den Verzehr von Laktose gesteuert, sei. Generell sei eine mögliche Erklärung für das gestiegene Auftreten von Unverträglichkeiten die Veränderung der allgemeinen Ernährungsgewohnheiten. Und, da auch hier das Thema Glutenverzicht im Raum stand: Eine glutenfreie Ernährung könne allein deshalb zu Verbesserung im Empfinden der Patienten führen, weil sie mit deutlichen Veränderungen der gesamten Ernährungsweise in Verbindung stehe.

Passend dazu gab es anschließend einen Vortrag von Prof. Helmut Heseker zu „Glutensensitivität – aktueller Stand der Wissenschaft“. Was ich schon wusste: Eine nichtallergische Gluten- oder Weizensensitivität ist nicht zu verwechseln mit einer Zöliakie oder Weizenallergie. Was ich mir erhofft hatte, war eine Klärung der Frage, was denn bei der nichtallergischen Form jetzt wirklich wissenschaftlich gesichert und was Mythos ist, und hier half mir Prof. Heseker sehr gut weiter. Euch ja vielleicht auch:

Die Pathologie der nichtallergischen Gluten- und Weizensensitivität ist noch nicht vollständig verstanden. Als Auslöser für die Symptome kommen jedoch vorrangig drei Substanzen in Frage:
  • das Gluten selbst (bei der Glutensensitivität),
  • ATIs und
  • FODMAPs.
ATI steht für Alpha-Amylase-Trypsin-Inhibitoren. Diese Proteine kommen in Weizen und verwandten Getreidearten vor und dienen als natürlich Abwehrstoffe. Die Hypothese bzgl. der Weizenunverträglichkeit sei nun, dass in moderne Weizensorten so viele Resistenzen eingezüchtet worden seien, dass die Menge der ATIs sich erhöht habe, worauf einige Menschen mit Unverträglichkeiten oder sogar mit Allergien reagierten. Dies würde erklären, warum andere Getreidearten, u. a. Dinkel, oft problemlos vertragen würden.

FODMAPs sind Fruktane, eine Art von Ballaststoffen, die im Dickdarm von Bakterien fermentiert werden und ebenfalls bei einigen Patienten eine Unverträglichkeit hervorrufen könnten. Hier sei aber noch vieles unklar, weil FODMAPs auch z. B. in Hülsenfrüchte vorkommen, die von den Patienten dann wiederum problemlos vertragen würden.

Wichtig sind hier vor allem folgende Aspekte: Eine Weizenunverträglichkeit muss nicht zwingend mit Gluten zu tun haben, und ursächlich für die Unverträglichkeiten ist wenn dann überhaupt die normale Weizenzüchtung und keine gentechnischen Veränderungen (in Europa sind gentechnisch veränderte Weizensorten für den menschlichen Verzehr nämlich nicht zugelassen). Generell sei eine glutenfreie Ernährung nur für die wenigsten Menschen nötig, alle anderen verzichteten unnötigerweise auf die positiven Gesundheitswirkungen von Getreide (Ballaststoffe, wichtige Aminosäuren aus dem Gluten…). Als möglicher „Kriegstreiber“ gegen den Weizen, u. a. durch solche Bücher wie „Weizenwampe“, wurde dann die Fleischlobby ins Gespräch gebracht. Das würde ins Bild passen, insbesondere vor dem derzeitigen Low-Carb-Trend, findet ihr nicht?

Nach diesem Vortrag trat ich dann den Heimweg an, um mich ganz im Sinne der Postwachstumökonomie meinem Garten zu widmen. Die restlichen Vorträge des Tages beschäftigten sich mit Hauterkrankungen (nicht mein Thema) und mit nachhaltiger Ernährung (zu lange schon mein Thema, ich bin hier informationsmüde). Daher kann ich euch zu diesen Beiträgen keine Informationen liefern. Ich hoffe aber, dass ich euch ein paar interessante Fakten mitbringen konnte, und freue mich schon auf die Tagung im nächsten Jahr.

Kommentare:

  1. Es hat richtig Spaß gemacht, deine Zusammenfassung zu lesen. Vielen Dank für die ausführliche Darstellung. :-)

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