Dienstag, 31. März 2015

{Rezension} "Befreiung vom Überfluss" von Niko Paech


Niko Paech, den Autor des Buches "Befreiung vom Überfluss"*, das mir der oekom verlag dankenswerterweise zum Rezensieren zur Verfügung gestellt hat, ist Professor für Ökonomie. Sein besonderes Steckenpferd ist die sogenannte Postwachstumökonomie: Wie wird unsere Wirtschaft aussehen, wenn das derzeitige System, das auf permanentem Wirtschaftswachstum aufbaut, hinter uns liegt?

Nachhaltiges Wachstum kann es nicht geben.


„Nachhaltiges Wachstum funktioniert nicht“ – so könnte man eine von Paechs wichtigsten Thesen kurz zusammenfassen. Wir machen uns selbst etwas vor, wenn wir uns einreden, dass wir unseren derzeitigen Lebensstil mit Ökostrom und Biodiesel beibehalten und trotzdem die Welt retten können.
Stattdessen setzt Paech auf lokale Selbstversorgungsnetzwerke, die durch eine stark geschrumpfte Industrieproduktion ergänzt werden. Weniger Produktion bedeutet weniger Erwerbsarbeit, damit weniger Lohn und weniger Nachfrage nach Konsumgütern, aber auch mehr Zeit, Dinge selbst herzustellen, zu reparieren und umzunutzen.

Das war jetzt sehr kurz zusammengefasst, die Argumentationskette ist im Buch wesentlich durchdachter, strukturierter und vor allem auch detailreicher. Eine lohnenswerte Lektüre, die aber auch schmerzhaft sein kann. Schließlich ist sozusagen jeder von uns gefordert, sich an die eigene Nase zu fassen. Veganer mögen im Ernährungsbereich nachhaltiger leben als die Durchschnittsbevölkerung, sind aber sonst in den meisten Fällen genauso Teil des derzeitigen Wirtschaftssystems wie alle anderen auch. Oder wie sieht es mit euren Handys, Laptops, Urlaubsreisen und/oder Auslandssemestern, der Fremdbetreuung von Kindern und Alten und generell eurer Freude an Konsum aus?

Schmerzhafte Selbsterkenntnis inklusive


Dass Niko Paech hier den Finger in die Wunde legt, finde ich sehr, sehr wichtig. Ich musste einige Male schlucken, aber im Endeffekt ist es natürlich auch bei mir so, dass ich für ein wirklich nachhaltiges Leben so einiges aufgeben müsste, was mir wichtig ist. Da reicht es nicht, Fairtrade-Schokolade und T-Shirts aus Biobaumwolle zu kaufen. Wir müssen unseren Konsum deutlich reduzieren und unsere Grundeinstellung ändern, sonst wird das nix mit dem Retten der Welt. Und ich glaube, wie auch Niko Paech, dass uns das im Endeffekt gar nicht unglücklicher machen würde, eher im Gegenteil: Wenn sich alle umstellen, wenn sich das Wirtschaftssystem ändert und andere Werte wichtig werden, fühlt man sich auch nicht mehr als Freak oder außen vor, wenn man nicht Vollzeit arbeitet, sein eigenes Gemüse anbaut, keine große Auswahl an Kleidung besitzt, Werkzeug gemeinsam nutzt, Bus statt Auto fährt, seine Kinder zu Hause betreut und sich von der älteren Nachbarin im Austausch gegen das Fegen des Bürgersteigs ein Paar Socken stricken lässt.

Mir jedenfalls hat das Buch einen Schub gegeben, und ich freue mich, Nico Paech auf der UGB-Tagung im Mai live sprechen zu hören, nun schon zum zweiten Mal. Wenn ihr nicht dabei seid, nicht traurig sein: Auf Youtube gibt es etliche Aufzeichnungen seiner Vorträge.

Meine ersten Schritte


Für mich habe ich mir Folgendes konkret vorgenommen bzw. kurzentschlossen umgesetzt:
  • Eventuelle Gemüseüberschüsse aus unserem Garten werde ich per Aushang im Dorf anbieten, evtl. auch schon von jungen Gemüsepflänzchen – das Frühbeet sieht schon vielversprechend aus, und letzten Herbst hatte ich eine wahre Schwemme von Erdbeerablegern.
  • Einen großen Teil meiner veganen Kochbücher habe ich in der Stadtbücherei abgegeben, um das Angebot dort und auch die Nutzung der Bücher zu verbessern.
  • Bei der nächsten Dorfsäuberungsaktion bin ich auf jeden Fall dabei.
  • Ich habe unsere Biokiste abbestellt. Biogemüse gut und schön, aber das Lieferauto fährt dafür mindestens 14 km extra. Und eigentlich kann ich Biogemüse auch in Gießen mit dem Fahrrad kaufen.
  • Ich will endlich ordentlich nähen lernen. Die Grundlagen habe ich Anfang Februar mit einem kleinen Einführungskurs in die Bedienung der Nähmaschine gelegt.

Kleine Dinge, natürlich. Aber ich fange ja auch gerade erst an und werde Niko Paechs „Befreiung vom Überfluss“ bestimmt noch etliche Male lesen.

Das "Aber" zum Buch


Eine kleine Warnung allerdings: Das Buch ist nicht gerade einfache Lektüre wegen der Neigung des Autors, Dinge eher kompliziert, in langen Sätzen und mit vielen Fremdwörtern auszudrücken. Am Anfang hätte ich es am liebsten wieder weggelegt, später wurde es dann besser.

Niko Paech: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie.
oekom verlag 2012, 160 Seiten, 14,95 Euro
ISBN 978-3865811813

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Was haltet ihr von "Befreiung vom Überfluss" und vom Konzept der Postwachstumsökonomie? Ich freue mich auf eure Kommentare!
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Kommentare:

  1. Das klingt total spannend - ich frage mich schon lange, wie nachhaltiges Leben funktionieren kann. Deshalb habe ich meinen Konsum von "Luxusgütern" fast eingestellt: Sowohl Makeup, Pflegeprodukte als auch Kleidung kaufe ich nur, wenn etwas altes leer, kaputt oder weggegeben wurde. Oder ich es einfach noch nicht hatte: Kürzlich habe ich mir einen Blazer gekauft - sowas hatte ich bisher noch nicht. Einer reicht aber jetzt auch.
    "Neue" Kleidung versuche ich, 2nd Hand zu kaufen oder mit Freunden und Bekannten zu tauschen.
    Gemüse kaufe ich regional - anders als du habe ich mir grad eine Biokiste bestellt - ja, ich könnte auch mit dem Rad zum Biomarkt fahren, aber dass ist eher unrealistisch aktuell.

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    1. Ich wollte auch gar nicht gegen die Biokiste wettern, ich find die gut :) In unserem speziellen Fall ist es nur so, dass der Lieferant extra 7 km zu uns aufs Dorf fahren muss und dann 7 km wieder zurück von der nächsten Stadt, die er beliefert. Und das _kann einfach nicht nachhaltig sein, zumal außer uns dort niemand eine Kiste bekommt.

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  2. Klingt sehr spannend, das Buch. Noch sind Leute, die die Meinung vertreten, dass unser auf ewigem Wirtschaftswachstum basierendes System irgendwann ein Ende hat, kaum anzutreffen, alleine schon deswegen. Ganz toll, dass Du Dich durchgearbeitet hast, um es uns vorstellen zu können! Ob ich es auch lesen werde? Schwer zu beantworten ...

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  3. Ich werd dem Buch auch nochmal eine Chance geben ;)
    Mit dem Handy hast du mich ja etwas erwischt. Zur Zeit habe ich noch ein ganz altes Handy, das meine Tante mal aussortiert hat. Ich merke aber, dass die Tonqualität immer schelchter wird und ich kaum noch jemanden verstehe, wenn ich angerufen werde und bin jetzt am überlegen, wie ich es erstetzen soll und schiele doch immer etwas in Richtung smartphone... aber ich überlege mal weiter, eigentlich geht es ja gut ohne...

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