Donnerstag, 6. November 2014

Fast übersehen: Der Mengenausgleich im fairen Handel


Wenn ich nicht auf dem monatlichen Treffen unseres örtlichen Weltladens darauf hingewiesen worden wäre, hätte ich ein neues Phänomen im fairen Handel schlichtweg nicht bemerkt: den Mengenausgleich. Zu erkennen ist er nur an einem kleinen Hinweis auf der Zutatenliste von einigen Produkten, die das Fairtrade-Siegel tragen.

Dabei bedeutet dieser kleine Hinweis etwas sehr Wichtiges: die Abkehr vom Prinzip der "physischen Rückverfolgbarkeit". Bisher war ich davon ausgegangen, dass das ausnahmslos nicht nur für biologisch erzeugte, sondern auch für fair gehandelte Produkte gilt: Der Kakao im Päckchen mit dem Fairtrade-Siegel wurde aus Kakaobohnen hergestellt, die auch tatsächlich von einem fair bezahlten Kakaobauern gepflückt wurden. Im Wesentlichen ist das auch noch so - es sei denn, auf der Zutatenliste steht etwas von "mit Mengenausgleich".


Was bedeutet "Mengenausgleich"?


Dann nämlich wurde ein ähnliches Prinzip angewandt wie beim Ökotrom: An irgendeiner Stelle wurde fair gehandelter Kakao hergestellt und auch fair bezahlt. Er wurde dann aber irgendwann in der Produktionskette mit konventionell gehandeltem Kakao vermischt, und am Ende wurde lediglich darauf geachtet, dass nicht mehr Kakao mit Fairtrade-Siegel im Regal steht, als ursprünglich fair bezahlt wurde. Da kann es dann aber durchaus sein, dass der konkrete Kakao im Päckchen nicht von einem fair bezahlten Bauern stammt.

Die "Verrechnung" der Mengen kann dabei auf zwei Arten und Weisen erfolgen. Der Mengenausgleich für mehrere Standorte ("Group Mass Balance") erlaubt es internationalen Unternehmen, die Gesamtmenge an eingekauften und verkauften Fairtrade-Produkten über das gesamte Unternehmen hinweg zu ermitteln und auszugleichen. Diese Regelung ist zumindest für Schokoladenhersteller bis Ende 2017 befristet.

Außerdem gibt es den Mengenausgleich für Einzelstandorte ("Single Site Mass Balance"). Hier muss die Gesamtmenge an eingekauften und verkauften Fairtrade-Produkten für den Einzelstandort, z. B. eine Fabrik, ausgeglichen sein.

Generell ist der Mengenausgleich nur für Kakao, Zucker, Fruchtsäfte und Tee möglich. Bei allen anderen Produkten ist die physische Rückverfolgbarkeit nach wie vor gegeben. Eine Kennzeichnung wie oben gezeigt ist zwingend vorgeschrieben.

Vor- und Nachteile


Wie so ziemlich alles andere auch bringt der Mengenausgleich Vor- und Nachteile mit sich. Als Hauptargument für den Mengenausgleich wird angeführt, dass er kleinen Produzenten die Teilnahme am fairen Handel überhaupt erst ermögliche. Ich zitiere ein Beispiel von der Webseite von TransFair Deutschland:
Saft-Orangen müssen möglichst schnell verarbeitet werden. Das heißt, der Produzent muss seine Orangen zügig an die nächst gelegene Fabrik verkaufen, die die Orangen zu Konzentrat verarbeitet. Die Fabrik verarbeitet am Tag 700 t Orangen, der Produzent erntet am Tag nur 2,7 t Orangen (1000 t Orangen im Jahr). Das bedeutet, die Orangen müssen zwangsläufig mit Nicht-Fairtrade-Orangen, die ebenfalls an die Fabrik geliefert werden verarbeitet werden. Ohne den Mengenausgleich könnten die Orangenproduzenten also nicht am Fairen Handel teilnehmen.
Auf derselben Seite findet sich auch der Hinweis, dass durch den Mengenausgleich unter Umständen eine geringere Umweltbelastung entstehe, weil Produkte so direkt vor Ort verarbeitet werden könnten, statt auf langen Wegen in eine Fabrik transportiert zu werden, die eine getrennte Verarbeitung sicherstellen kann.

Das "Forum fairer Handel", dem u.a. die großen Fairhandelsimporteure (gepa, DWP, El Puente, Banafair, Globo) und die Weltläden angehören, befürchtet jedoch einen Glaubwürdigkeitsverlust. Zudem sei die Kennzeichnung durch ihre Position (nicht am Siegel, sondern bei den Zutaten) und ihre für Laien unverständliche Formulierung nicht transparent. Der Mengenausgleich könne im Ausnahmefall hilfreich sein, beeinträchtige aber langfristig die Entwicklung von Produzentenorganisationen und verschaffe besonders den großen Schokoladenherstellern einen Preisvorteil auf Kosten der Transparenz, weil keine getrennte Verarbeitung mehr erforderlich sei. Transparenz und physische Rückverfolgbarkeit seien nun einmal mit Kosten verbunden.

Was denkt ihr?


Wie so oft habe ich keine richtige Meinung zum Thema, weil ich sowohl die Pro- als auch die Contra-Argumente verstehen kann.  Eine transparentere Kennzeichnung würde ich mir aber auf jeden Fall wünschen. Was haltet ihr vom Mengenausgleich im fairen Handel?

Zum Weiterlesen:

Informationsseite von TransFair
Positionspapier des Forums fairer Handel
Positionspapier der gepa

Kommentare:

  1. Kompliziertes Thema!
    Sofern es gekennzeichnet ist und Alternativen erhalten bleiben, finde ich den Mengenausgleich in Ordnung. Umweltvorteile und Teilnahme von kleineren Produzenten sind wichtige Argumente. Wenn die Kontrolle beim Mengenausgleich funktioniert, finde ich nicht, dass es unglaubwürdig wirkt...

    Wer das nicht unterstützen möchte, kann ja Gepa-Sachen kaufen. Wenn ich es richtig verstanden habe, lehnen die nämlich den Mengenausgleich ab. (??)

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    1. Genau, bei der Gepa gibt es keine Produkte mit Mengenausgleich.

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  2. Hallo Carola,

    danke für diesen anregenden Beitrag. Ich bin der gleichen Meinung wie Sab. Ich finde es sehr wichtig, dass die Teilnahme von kleineren Produzenten wichtig ist. Schließlich bilden sie oft die Basis von Veränderungen bzw. setzen oft einen "Trend", dem dann die "großen" Unternehmen folgen. Auch bezüglich der geringeren Umweltbelastung gehen ich konform. Gerade durch diese Begründungen finde ich den Mengenausgleich glaubwürdig und auch angebracht, denn es ist durchdacht. Und das finde ich am Wichtigsten. Das Umdenken zum faire Handel hin, fängt ja gerade erst an. Somit ist es legitim auch am Anfang mit einer Art "Überganglösung" zu arbeiten. Denn sobald es mehr kleinere Produzenten gibt, können diese dann auch das Volumen, dass eine Firma "benötigt" bedienen. Daher ist es wichtig, dass es diese Übergangslösungen gibt, damit sich nach und nach mehr Produzenten für den fairen Weg entscheiden können. Wichtig bei diesen Übergangslösungen sind halt die Kontrollen. Solange diese gewährleistet sind, finde ich es okay.

    Und so nebenbei ;) Es macht Spaß deine Beiträge hier zu lesen. Sie sind sehr durchdacht und herzlich geschrieben. Das gefällt mir sehr. Mach weiter so :)
    Ich wünsche dir einen schönen Tag.

    Liebe Grüße
    Bea

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