Sonntag, 8. Juni 2014

Vegan mit Lebensmittelunverträglichkeiten: Gluten

Nicht erst, seit ich den Veganismus an den Nagel gehängt habe, weil er für mich eine zu große Einschränkung bedeutete und mein Leben zu sehr dominierte, habe ich mich gefragt, wie es jemand mit einer Lebensmittelunverträglichkeit schafft, vegan zu leben. Bei meinem Selbstversuch im letzten Jahr ging mir z. B. die Glutenfreiheit nach zwei Wochen ganz entsetzlich auf die Nerven, und auch, wenn man darin sicher nach einer Weile besser wird, und ich kann daher jeden, der Veganismus und Glutenverzicht unter einen Hut bekommt, nur bewundern (und außerdem den Kopf darüber schütteln, wie viele Leute eine Glutenunverträglichkeit mittlerweile betrifft).

Offensichtlich kann eine Glutenunverträglichkeit aber auch ein Ausdruck dafür sein, dass irgendein anderes Lebensmittel „falsch“ ist – und dann ist sie auch nicht das eigentliche Symptom. Hier kann eine vegane Lebensweise dann sogar hilfreich sein. Diese Erfahrung hat zumindest Laura von „Tofuliebe“ gemacht, die euch hier ihre Geschichte erzählt.

Ihr Bericht fügt sich ein in eine kleine Reihe von Interviews, in denen Personen mit einer Lebensmittelunverträglichkeit von ihren Erfahrungen mit dem Veganismus berichten. Nicht alle Geschichten gehen dabei „gut“ aus im Sinne von: Es war vereinbar. Aber darum geht es mir auch nicht. Ich möchte vielmehr herausfinden, welche persönlichen Geschichten hinter all dem stecken. Vielleicht interessieren sie euch ja auch. Und wenn ihr denkt, dass ihr selbst etwas zu dieser Reihe beizutragen hättet, freue ich mich, per Mail von euch zu hören.

Mit welchen Lebensmittelunverträglichkeiten hattest du zu tun? Wie haben sie sich geäußert, und wann wurden sie diagnostiziert?

Oh, das ist eine gar nicht so leichte Frage, denn ich habe eine lange Zeit die falschen Lebensmittel als Auslöser vermutet. Die Lebensmittelunverträglichkeiten kamen schleichend in mein Leben und zwar in der Endphase meines Studiums. Angefangen hat es mit Sellerie, auf einmal habe ich nämlich überwiegend Essen außerhalb von zu Hause nicht mehr vertragen. Der Gang in die Mensa wurde für mich zur Qual und ich habe reihenweise Nachmittags-Vorlesungen ausfallen lassen müssen, weil es mir sehr schlecht ging. Aus Verzweiflung habe ich die Mensa gemieden und mir ausschließlich selbst gekocht. Da es mir nicht gut ging, gab es überwiegend Suppe. Natürlich mit Brühe als Basis und in der Folge habe ich wochenlang kaum das Haus verlassen. Bis ich auf die Unverträglichkeit Sellerie gekommen bin, hat es eine Weile gedauert. Ich hatte alles Mögliche ausprobiert: Kein Weizen, keine Laktose, alles, was mir so eingefallen ist, habe ich weggelassen, aber an der Suppe wurde festgehalten. Einigermaßen erleichtert bin ich irgendwann von selbst auf den Sellerie als Übeltäter gekommen. Ab diesem Zeitpunkt habe ich allerdings auch viele Dinge nicht mehr gut vertragen, über die ich mir früher nie Gedanken gemacht hatte. Karotten, Kartoffeln, Blattsalate, Tomaten, Pilze, Kürbis, Auberginen, Erdbeeren, Äpfel, Birnen, … und noch so viel mehr.

Vorausgegangen war dem ganzen Leid eine sehr starke Gastritis und in der Folge habe ich eigentlich kaum noch etwas vertragen und das Kochen war bei uns (mittlerweile war ich mit meinem Freund zusammengezogen) geprägt von Einschränkungen, die kaum noch jemand außer mir nachvollziehen konnte. Auch wenn ich durch die Identifizierung von Sellerie zwar wieder etwas besser dran war: Ich hatte ständig Bauchschmerzen mit Durchfall, ständig war mir übel und schwindelig. Auswärts essen konnte ich vergessen, für Freunde und Familie war es mehr als schwierig, mir etwas zuzubereiten. Ich habe eigentlich immer abgelehnt, denn ich wusste nie, wie es mir hinterher gehen würde.

Völlig fertig bin ich von einem Arzt zum nächsten gegangen, habe Bluttests machen lassen und Magen- und Darmspiegelungen. Alles ohne wirklichen Befund. Eine Zöliakie wurde damals ausgeschlossen, Laktoseintoleranz auch. Magen und Dünndarm waren leicht entzündet, aber trotz Schonkost und Medikament wurde es nicht wirklich besser mit mir. Ich wusste nicht mehr weiter.

Circa zwei Jahre nach Beginn der Beschwerden wurde ich schwanger und auf einmal war alles viel, viel besser. Ich habe beinahe beschwerdefrei gelebt. Diese Zeit habe ich unglaublich genossen.

Als meine Tochter ein halbes Jahr alt war, gingen die Beschwerden allerdings wieder los. Ich hatte ständig Bauchschmerzen, habe mich furchtbar unwohl gefühlt, mal habe ich Dinge vertragen, mal nicht. Eine Bekannte hat mich auf den Gedanken einer Glutenunverträglichkeit gebracht und so habe ich dann knapp 1,5 Jahre vollständig auf Gluten verzichtet. Dieser Verzicht war definitiv eine reine Verzweiflungstat. Einen ärztlichen Befund dafür gab es nicht. Die glutenfreie Ernährung hat mir damals allerdings gut getan und es ging mir langsam besser. Wirklich gut ging es mir jedoch nie. Meine Ansprüche an mein Wohlbefinden waren im Laufe der Zeit aber auch ziemlich gesunken. Mit „etwas besser“ habe ich mich schon sehr zufrieden gegeben.

Welche Lebensmittel durftest du nicht oder nur eingeschränkt essen?

Verzichtet habe ich sehr lange auf sehr viele Gemüsesorten, Obstsorten und Gluten. Und natürlich Sellerie. Der Verzicht auf Gluten und so viele Obst- und Gemüsesorten war sehr hart und einschränkend.

Einen sehr teuren Bluttest bei einem Heilpraktiker fand ich damals übrigens eher dubios und habe ihn, trotz sage und schreibe 500 Euro, die ich dafür bezahlt hatte, ignoriert: Ich habe laut diesem Test extrem stark auf Hühnerei und Milcheiweiß reagiert. Das konnte ich mir irgendwie nicht vorstellen, wollte es auch nicht wahrhaben, Milchprodukte gehörten für mich eher zum „normalen“ Leben als Getreide. Im Nachhinein finde ich es sehr komisch, damals war es so. Ich habe immer nach Indizien für die Glutenunverträglichkeit gesucht und lange nicht bemerkt, dass ich auf dem Holzweg war. Der Heilpraktiker sagte zu mir: „Lassen Sie doch mal alles ‚Gelbe und Weiße‘ weg“, und ich dachte nur: „Was bitte soll ich denn dann noch essen?“

Hast du schon vegan gelebt, als du die Unverträglichkeiten bemerkt hast, oder später erst umgestellt?

Die Entscheidung für ein veganes Leben ist unabhängig von den Unverträglichkeiten und viel später gefallen. Sehr unabhängig sogar, denn ich habe mich ja tatsächlich eine ganze Weile gegen den Bluttest gewehrt. Ich habe mich in meinem Studium viel mit einer nachhaltigen Lebens- und Ernährungsweise beschäftigt. Natürlich habe ich dadurch auch mein eigenes Verhalten immer mehr hinterfragt, insbesondere den Ernährungsaspekt. Unsere Ernährung hatte sich durch die Unverträglichkeiten sowieso schon zu einem großen Thema entwickelt. Vegetarisch haben mein Mann und ich schon gelebt, als wir ein Paar wurden. Tierische Produkte haben wir irgendwann nur noch in Bioqualität gekauft und immer öfter über vegane Produkte und Rezepte gesprochen und einiges ausprobiert. Das hat uns Spaß gemacht und irgendwie gut getan. So ist der vegane Anteil in unserer Ernährung immer mehr gestiegen und dann haben wir es einfach von heute auf morgen beschlossen: Ab jetzt vegan! Vorräte wollten wir eigentlich noch aufbrauchen, haben uns aber urplötzlich so geekelt, dass wir Milchprodukte kaum noch anrühren wollten. Das war im Juli 2012, also vor knapp zwei Jahren.

Wie konntest du die Einschränkungen mit einer veganen Ernährung vereinbaren? Fiel dir das schwer?

Die Vereinbarkeit ist mir gar nicht so schwer gefallen, wie ich zunächst befürchtete. Zum einen war ich Verzicht gewohnt und zum anderen gibt es wirklich gute vegane Ersatzprodukte und ich war schon früh ein großer Tofu-Fan und habe die gesunde Gemüseküche geliebt. Richtig gutes glutenfreies Brot, richtig tolle glutenfreie Nudeln gibt es aber nach meinem Empfinden nicht. Es hat kaum einen Unterschied gemacht, ob ich einen Kuchen glutenfrei oder glutenfrei und vegan gebacken habe. Das Verzichten und der etwas komische Geschmack kamen durch das glutenfreie Mehl, nicht durch das Fehlen von Eiern und Milch. Da ich sowieso gewohnt war, nur Selbstgekochtes zu essen, war die Vereinbarkeit nicht wirklich schwierig.

Wie waren die Reaktionen deines Umfelds darauf, dass du dich zusätzlich durch die vegane Ernährung bei der Lebensmittelauswahl noch weiter eingeschränkt hast?

Oh, tatsächlich, das hat zu Beginn kaum jemand verstanden. „Isst du überhaupt noch was?“ oder „Für dich kann man ja jetzt wirklich gar nichts mehr kochen“, musste ich mir schon anhören. Mir war das aber ziemlich egal, denn die Gründe für eine vegane Ernährung sind mir bis heute so präsent und wichtig, dass ich mich durch Unverständnis meines Umfelds darin nicht habe beirren lassen. Und wirklich schnell hatte sich das dann auch wieder gelegt: Die Einschränkung durch die vegane Lebensweise war nicht so dramatisch wie die Einschränkung durch das Gluten. Sojamilch haben alle recht schnell verstanden, Dinkelmehl wurde viel länger für glutenfrei gehalten. Und da ich sowieso schon so lange der komplizierte Fall war, hatte sich eigentlich gar nicht so viel geändert.

Du bist verheiratet und hast ein Kindergartenkind. Wie hat das Essen zu Hause geklappt? Wie sah es mit dem Essen in Gesellschaft, z. B. außer Haus oder bei Einladungen, aus?

Zu Hause waren unsere warmen Mahlzeiten schon sehr aufwendig. Wir haben oft auf allen Herdplatten gekocht: Soße, normale Nudeln, glutenfreie Nudeln und im schlimmsten Fall noch ein extra Essen für unsere Tochter. Das hat schon ziemlich genervt, vom Spülen mal ganz abgesehen! Geklappt hat es aber trotzdem, ich war einfach sehr froh, wenn ich keine Beschwerden hatte, so dass wir das alles in Kauf genommen haben. Auswärts habe ich so gut wie nie gegessen. In Restaurants eigentlich nie, das war mir in Bezug auf das Gluten immer viel zu unsicher und ich habe es auch nie vertragen. Bei Einladungen habe ich meistens selbst etwas mitgebracht, und unsere Familien waren irgendwann sehr geübt im Spezialessen kochen. Es war für mich aber immer sehr unangenehm, so viele Sachen nicht zu vertragen. Ich hatte zeitweise das Gefühl, dass die Liste der Dinge, die ich nicht vertrage, deutlich länger ist als das, was noch übrig blieb. Wann immer es nur ging, habe ich Mahlzeiten außerhalb von zu Hause vermieden.

Seit wann kannst du wieder alles essen? Was hat sich seitdem verändert? Würdest du heute noch vegan essen, wenn deine Lebensmittelunverträglichkeit noch bestehen würde?

Die Umstellung von vegetarisch auf vegan hat sich relativ losgelöst von meinen Unverträglichkeiten ergeben. Klar, ich habe mich viel mit Ernährung und dem, was wir da eigentlich zu uns nehmen, beschäftigt. Aber es war der ethische und nachhaltige, nicht der gesundheitliche Aspekt, der uns zum veganen Leben geführt hat. Verrückterweise ging es mir innerhalb kürzester Zeit auf einmal sehr gut. Ich bin richtig aufgeblüht, wollte wieder mehr unternehmen, habe „todesmutig“ etwas in Restaurants bestellt und beinahe sämtliche Gemüse- und Obstsorten wieder vertragen. Nach drei Monaten hatte ich das Gefühl, alles ist wieder normal. Ich war so erleichtert und habe mich an immer mehr Dinge wieder herangetraut, die ich vorher meiden musste. Dann kam Weihnachten 2012 und ich hatte drei Wochen Urlaub. Da habe ich es riskiert und habe glutenhaltig gegessen. Zuerst habe ich mich ganz vorsichtig an Dinkelmehl herangetraut. Als zu Silvester noch alles gut war, gab es auch ein Baguette aus Weizenmehl. Ich habe wirklich geweint, als wir das erste Mal frische Brötchen vom Bäcker zum Frühstück geholt haben. Den Duft aus dem Brotkorb habe ich inhaliert. Und alles vertragen. Und erst da ist mir der „dubiose Bluttest“ beim Heilpraktiker wieder eingefallen. Mir sind viele Dinge klar geworden, denn schon als Kind konnte ich zum Beispiel kein Müsli mit Milch frühstücken, weil mir dann einfach schlecht war. Sahnesaucen und ähnliches habe ich schon immer gemieden, wohl intuitiv.

Meine Unverträglichkeiten waren einerseits ganz offensichtlich Begleiterscheinungen von der eigentlichen Unverträglichkeit von Eiern und Milchprodukten. Auch der gereizte Verdauungstrakt durch die recht langwierige Gastritis hat seinen Teil zum starken Aufblühen der Intoleranzen beigetragen. Andererseits hat aber auch der psychische Aspekt bei mir eine ganz große Rolle gespielt. Ich hatte schon bei den ersten Bissen einer Mahlzeit Angst, ob ich das nun wohl vertragen würde. Und schon hat es im Bauch rumort. Ich habe nach jeder Mahlzeit stundenlang in meinen Bauch gefühlt, ob es mir gut geht. Spätestens, wenn ich etwas unternehmen wollte, ging es mir auf einmal nicht mehr gut. Ich hatte eine starke Angst entwickelt und viele Beschwerden wurden mit der Zeit psychosomatisch.

Durch die glutenfreie Ernährung hatte sich das erstmals gebessert, denn ich war einfach abgelenkt. Sich auf eine glutenfreie Ernährung umzustellen ist eine Herausforderung, damit war ich beschäftigt. Dazu sind viele glutenfreie Produkte gleichzeitig auch frei von weiteren Allergenen und so habe ich deutlich weniger Ei und Milchprodukte zu mir genommen als vorher. Mit der veganen Ernährung war der Aspekt „Ei und Milch“ dann vollkommen verschwunden und ich war so voller Entdeckungslust auf neue Rezepte, dass ich viele meiner Beschwerden ganz einfach „vergessen“ habe. Das Ausprobieren war mir wichtiger, das gute Gefühl hat sich über die Angst gelegt. Ich bin im Nachhinein über beides sehr erstaunt: Zum einen, was für große Auswirkungen die Unverträglichkeit auf Milch und Ei hatte, vor allem dann, wenn einmal alles aus dem Gleichgewicht gerät. Zum anderen aber noch viel mehr, wie stark der Einfluss der Psyche ist. Meine Angst davor, etwas nicht zu vertragen, war zeitweise so groß, dass ich viele Dinge einfach nicht mehr vertragen habe, weil ich furchtbar verkrampft und angespannt war. Nicht, weil ich es wirklich nicht vertragen habe.

Ob ich heute noch vegan essen würde, hätte ich noch immer alle meine Unverträglichkeiten? Ja, ganz klar! Ich habe nie auf Gluten verzichtet, weil ich mir dachte, dass es falsch ist, Weizen zu essen. Aber Fleisch zu essen, Milch zu trinken, also Tierleid für meine Ernährung in Kauf zu nehmen, das kann und will ich nicht. Davon abgesehen habe ich die vegane Lebensweise nicht als große Einschränkung empfunden, ganz im Gegensatz zum Glutenverzicht. Hier spielt aber auch mein Umfeld eine große Rolle. Viele meiner Freunde und Bekannte leben vegetarisch/vegan. Unsere Familien stehen der veganen Ernährung nach kurzer Skepsis sehr offen gegenüber. Und nicht nur ich lebe vegan, sondern mein Mann und ich haben das gemeinsam entschieden. Dieses Wir-Gefühl neben dem vielen Verzicht hat mir damals sehr gut getan. Und das wäre auch heute noch so. Selbst wenn diese Faktoren aber alle nicht so günstig wären: Ich kann mir nicht mehr vorstellen, meine alltägliche Ernährung mit tierischen Produkten zu bestreiten. Die vegane Lebensweise ist für mich die richtige. Das ist – für mich - unabhängig von anderen Einschränkungen.

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Nicht vergessen:

http://www.twoodledrum.de/2014/05/vegane-koch-buchtauschwoche-vom-22-bis.html

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