Freitag, 4. Mai 2012

Was Veganismus für mich mit fairem Handel zu tun hat

Gestern Abend hat mein erster Koch- und Backkurs stattgefunden... Und er war toll! Veranstalter war der Weltladen Gießen, und dementsprechend ging es nicht nur um Veganismus, sondern auch und vor allem um den fairen Handel, der mir (wie man hier vielleicht dann und wann merkt) sehr am Herzen liegt. Seit zehn Jahren bin ich im fairen Handel engagiert, zunächst als Schülerin im Verkauf, dann seit Beginn meines Studiums in der Bildungsarbeit im Weltladen Gießen. Ich kann mir meinen Veganismus ohne den fairen Handel nicht denken, und diese Meinung habe ich auch gestern Abend in der Einführung in meinen Kurs vertreten. Aber lest selbst. Einen ausführlicheren Bericht zum Kochkurs gibt es dann morgen.

Auf den ersten Blick haben fairer Handel und Veganismus eigentlich wenig miteinander zu tun – während sich ersterer mit dem wirtschaftlichen Auskommen von Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern beschäftigt, setzt sich letzterer für Tierrechte ein.

Allerdings: Der faire Handel ist weit mehr als der höhere Preis, als der er oft gesehen wird. Die Fairtrade-Standards stellen neben der Ökonomie ausdrücklich auch auf die Säulen Ökologie und Soziales ab, und auch in der Konvention der Weltläden haben sie einen großen Stellenwert.
Durch den fairen Handel soll ein Machtgefälle zwischen den Handelspartnern im internationalen Handel beseitigt werden. Nach internationalem Recht anerkannte Arbeitsbedingungen sind Pflicht – das betrifft zum Beispiel Arbeitssicherheit, Löhne und Arbeitszeiten. Diskriminierung, ausbeuterische Kinderarbeit und Zwangsarbeit sind verboten. „Der Faire Handel ist eine Handelspartnerschaft, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruht und nach mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel strebt“, sagt die Konvention der Weltläden. Und damit ist auch klar, warum ein höherer Preis bezahlt wird als im konventionellen Handel: Er ist ausdrücklich keine Spende, sondern gerechtfertigte Entlohnung für die geleistete Arbeit des Produzenten.
Warum sollte man sich aber solche Gedanken machen und freiwillig mehr Geld ausgeben, als man muss? Alle Produkte, die es im fairen Handel gibt, sind auch aus konventionellem Handel zu beziehen, meist mehr oder weniger deutlich günstiger. Wer allerdings fair gehandelte Produkte kauft, ist der Überzeugung, dass jeder Mensch grundsätzlich das Recht auf ein menschenwürdiges Leben hat und dass man seine Machtstellung (wir befinden uns nun mal auf der Sonnenseite der Welt, das ist einfach nicht zu leugnen), die ja kein eigenes Verdienst ist, nicht ausnutzen sollte.

Die Macht des Konsums ist nicht zu unterschätzen, sie kann zum Guten oder zum Schlechten eingesetzt werden, und gerade wir in den Industrieländern können durch unser Konsumverhalten einiges bewirken. Ob die Verantwortung des Einzelnen nun das Wichtigste ist oder doch eher das, was man als Corporate Social Responsibility (CSR) bezeichnet, also die soziale Verantwortung von Firmen, oder ganz einfach der Staat mit seiner Gesetzgebung, darüber lässt sich trefflich streiten. Diese Diskussion ist jedoch meiner Meinung nach überflüssig. Es greift immer ein Rädchen ins andere. Ohne einzelne Visionäre, die neue Ideen für sich als Person umsetzen, kann es auch auf der Gesetzgebungsebene keine neuen Impulse geben. Umgekehrt kann ein einzelnes Gesetz, wenn es denn einmal angestoßen ist, sehr viel auf einmal bewirken. Und selbst, wenn man die Existenz von CSR als solcher bezweifelt, kommt man nicht umhin, einzugestehen, dass Unternehmen auf veränderte Nachfragemuster mit einem veränderten Angebot reagieren und so auch als Rädchen im Getriebe wirken können.

Jeder von uns hält also ein großes Stück Macht in den Händen, die Welt zu verändern. „With great power comes great responsibility“ - das gilt für jeden Einzelnen, auch wenn die einen schon allein vom Finanziellen her einen größeren Spielraum als die anderen haben.
Diese Verantwortung wird zum Beispiel vom fairen Handel betont. Wenn ich Macht über meine Mitmenschen habe, gebietet mir die Moral, diese Macht nicht zu meinem persönlichen Vorteil auszunutzen. Veganer übernehmen die Verantwortung vor allem gegenüber Tieren, aus dem Gedanken heraus, dass auch Tiere denkende und fühlende Wesen sind, über die man sich als Mensch nicht einfach erheben kann, indem man sie isst oder auf andere Weise „nutzt“.

Ich finde, diese beiden Denkweisen haben sehr viel gemeinsam. Sie betonen die Verantwortung des Einzelnen gegenüber seinen Mitlebewesen, sie stellen auf Gleichwertigkeit und das Recht auf ein würdiges Leben ab. Meiner Meinung nach kann es keinen Veganismus ohne fair gehandelte Produkte geben – wenn ich die Rechte der Tiere betone, wie kann ich da die Rechte der Menschen vergessen? Und auch der faire Handel könnte durchaus sein Blickfeld erweitern und in Produkten und  Rezeptempfehlungen auch die vegane Idee stärker berücksichtigen. Eine bessere Welt für alle kann schließlich nicht schaden!

Kommentare:

  1. Toller Beitrag!
    Ich finde auch, dass Veganismus und Fair Trade einiges gemeinsam haben - denn es ist nicht fair, Tieren ihre Leben und Produkte zu stehlen und genauso wenig fair ist es, den Menschen ihre Leben zu stehlen!
    Liebe Grüße :)

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  2. Sehr schöner Post. Für mich ist Veganismus vor allem die Konsequenz aus meinen moralischen Idealen: Gewaltlosigkeit, Gleichberechtigung und Mitgefühl gegenüber anderen. Auch Umweltschutz spielt eine wichtige Rolle. Deshalb kann ich dir nur zustimmen: Fairtrade ist eine weitere Ausdrucksform von veganem Denken. Außerdem übernehmen wir als Bürger der "ersten Welt" auch endlich wenigstens ein Stück weit Verantwortung gegenüber vielen Ländern (und Menschen) auf deren Kosten wir jahrhunderte lang unsere "Vormachtstellung" ausgebaut haben. Das sollte nicht nur zur Beruhigung des Gewissens geschehen, sondern auch zum Hinterfragen von imperialistisches Gedankengut und zu persönlichem Engagement anregen. Toll, dass du dazu einen Beitrag leistest!
    Liebst, Carly

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